Isomorphic Labs peilt bis zu 50 Mrd. Dollar Bewertung an

Isomorphic Labs peilt bis zu 50 Mrd. Dollar Bewertung an

Isomorphic Labs, das aus Alphabet ausgegründete Unternehmen für Wirkstoffforschung, verhandelt offenbar über frisches Kapital. Laut einem Bloomberg-Bericht vom 8. Oktober strebt das Unternehmen eine Bewertung zwischen 40 und 50 Milliarden Dollar an. Wie viel Geld Isomorphic einsammeln will, geht aus dem Bericht nicht hervor.

Die Gespräche befinden sich demnach noch in einem frühen Stadium. Auch welche Investoren sich beteiligen sollen, nannten Bloombergs Quellen nicht. Zum Vergleich: An der vorigen Finanzierungsrunde, einer im März angekündigten Kapitalspritze über 2,1 Milliarden Dollar, beteiligten sich Alphabet, zwei Wagniskapitalfonds von Alphabet und mehrere externe Investoren.

Was Isomorphic eigentlich verkauft

Das wichtigste Produkt des Unternehmens ist eine KI-Plattform namens IsoDDE. Sie soll die langwierige, händische Forschungsarbeit verkürzen, die in der Entwicklung einer neuen Therapie steckt. Ein großer Teil der Plattform zielt auf einen ganz bestimmten Engpass: das Aufspüren von Bindungstaschen.

Eine Bindungstasche ist die Stelle auf der Oberfläche einer krankheitsverursachenden Zelle, an der ein Medikament andockt, um sie unschädlich zu machen. Eine gute zu finden, ist aus mehreren Gründen schwierig:

  1. Zelloberflächen sind komplex. Um sie zu kartieren, braucht man spezielle Mikroskope.
  2. Sie verändern sich ständig. Verschiebt sich die Oberfläche, verschieben sich auch die Taschen darauf, was ihre Untersuchung erschwert.
  3. Taschen können verschwinden. Unter bestimmten Bedingungen löst sich eine Bindungstasche vollständig auf.

Im Februar erklärte Isomorphic, IsoDDE finde Bindungstaschen um mehr als 50 % besser als das nächstbeste Konkurrenzwerkzeug. Die Plattform kann zudem die Molekülstruktur modellieren, die entsteht, sobald ein Medikament in einer Tasche einrastet.

Im Vergleich mit AlphaFold

Der naheliegende Maßstab ist AlphaFold, das Modell von Google DeepMind, dessen Entwickler die Hälfte des Chemie-Nobelpreises 2024 erhielten. Auch AlphaFold kann die Strukturen vorhersagen, die sich bilden, wenn ein Medikament an sein Ziel bindet. Laut Isomorphic gelingt das IsoDDE etwa doppelt so genau.

Bei Antikörpern soll der Abstand noch größer sein. Bindungstaschen werden nicht nur von Medikamenten angesteuert, sondern auch von den Antikörpern, die das Immunsystem bildet. Antikörper unterscheiden sich strukturell auf schwer vorhersagbare Weise, was die Modellierung ihrer Wechselwirkung mit den Taschen besonders schwierig macht. Isomorphic zufolge schneidet IsoDDE hier etwa 2,3-mal besser ab als AlphaFold.

Es handelt sich um Angaben des Unternehmens selbst. Unabhängig überprüft wurden sie in der Berichterstattung nicht.

Wie das Unternehmen Geld verdient

Isomorphic erzielt seine Einnahmen über Forschungspartnerschaften mit Pharmakonzernen, nicht über den Verkauf von Softwarelizenzen am freien Markt. 2024 schloss es mit Eli Lilly and Co. und Novartis AG Vereinbarungen im Gesamtwert von fast 3 Milliarden Dollar. Im Januar dieses Jahres kam eine ähnliche Partnerschaft mit Johnson & Johnson hinzu.

Alle drei Kooperationen drehen sich um kleine Moleküle, die grundlegenden chemischen Bausteine hinter vielen der heute erhältlichen Medikamente.

Einordnung

Ein Sprung auf eine Bewertung von 40 bis 50 Milliarden Dollar würde Isomorphic zu einem der am höchsten bewerteten KI-Start-ups jenseits des Wettlaufs um Chatbots und Basismodelle machen. Das ist bemerkenswert. Ein Großteil des KI-Geldes floss in diesem Jahr in Sprachmodelle, Agenten und Infrastruktur, während wissenschaftliche KI meist als langfristige Wette galt.

Das deutet darauf hin, dass Investoren beginnen, KI für die Biologie nach eigenen Maßstäben zu bewerten. Isomorphic steht damit nicht allein: Die von Biohub angeführte 1,8-Milliarden-Dollar-Initiative zur Modellierung des Zellverhaltens weist in dieselbe Richtung. Allgemein haben spezialisierte KI-Firmen zuletzt Geld zu hohen Bewertungen eingesammelt, vom Weltmodell-Entwickler General Intuition bis zum Robotikunternehmen FieldAI.

Offen bleibt, ob das Partnerschaftsmodell diesen Preis rechtfertigen kann. Die Forschungsdeals mit Lilly, Novartis und J&J belegen eine Nachfrage, doch die Medikamentenentwicklung ist langsam, und ein besserer Bindungstaschen-Finder garantiert noch keine zugelassenen Medikamente. Es lohnt sich zu beobachten, wer die Runde anführt, ob Alphabet weiter Geld nachschießt und ob eine der Partnerschaften einen Kandidaten hervorbringt, der es in klinische Studien schafft.